ASAF AVIDAN erklärt, warum das Gegenteil von Aufstieg nicht Absturz bedeuten muss

22. November 2017

Asaf Avidan

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Asaf Avidan ist weiß Gott kein Newcomer der Songwriterszene, aber mit seinem neuen Album „The Study On Falling“ wagt er einen Neubeginn. Das betrifft nicht nur seine Stimme, einst der von Janis Joplin zum Verwechseln ähnlich, inzwischen selbst zum androgynen Trademark avanciert, das sich einzig und allein mit dem Namen Asaf Avidan verbindet. Nie zuvor klang der israelische Barde mit dem immer noch ungewöhnlich hohen Timbre so eindringlich wie auf dieser CD. Das Thema Scheitern ist dafür nur einer von mehreren Aspekten. Mit „Falling“ greift er ein sehr aktuelles Problem auf, denn global wie auch in vielen Biografien scheint der Themenkreis ums Straucheln und Scheitern eine immer zentralere Rolle einzunehmen. „Das Fallen hat ja verschiedene Facetten“, so Avidan.

„Die politische Dimension ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Für mich geht es aber tiefer. Die psychologische Angst vor dem Absturz ist oft viel existenzieller als das Fallen selbst. Wir alle verbinden das Hinfallen viel zu oft mit dem finalen Kollaps. Ich wollte das Thema neu besetzen. Mein letztes Album drehte sich um eine zerbrochene Beziehung. Nach dieser Krise spürte ich, dass ich dieselben Fehler immer wieder begehen würde, wenn ich den Begriff Beziehung für mich nicht völlig neu definiere. Plötzlich ergab mein Scheitern einen Sinn. Scheitern kann das Ende sein, es kann aber auch am Anfang von etwas Neuem stehen. Ich habe seither viel über das Scheitern nachgedacht und versuche dies auf dem Album zu reflektieren. Mir geht es beim Fallen viel mehr um den Aspekt des Aufstehens. Das sind zwar fast alles traurige Lieder auf dem Album, aber ich hoffe, ihnen ist auch ein Hauch von Hoffnung eigen.“

Avidan kam zu der für ihn überraschenden Schlussfolgerung, dass das ganze Leben von der Geburt an ein Prozess kontinuierlichen Fallens sei. Wir suchen permanent nach Punkten, so meint er, an denen wir uns festhalten können, erfinden Vater- und Mutterfiguren und lassen uns in Landschaften nieder, die uns im Fallen weich auffangen. Fallen sei aber auch eine Form des Loslassens. All diese Erkenntnisse waren für den emotional ohnehin hochaufgeladenen Sänger elementar und wirkten sich unmittelbar auf die Sessions zu „The Study On Falling“ aus. Die Aufnahmen erfolgten in einem kalifornischen Studio direkt am Pazifik. Das war eine Art offene Glaskuppel, in der man sich direkt mit der Außenwelt verbunden fühlte. „Ich finde es heilsam, die Kraft der Natur zu spüren. Natürlich ist Schönheit eine Kategorie des menschlichen Wertesystems, aber wenn man vor dem Ozean steht, spürt man nicht nur die eigene Winzigkeit, sondern wird auch von dem Gefühl überwältigt, dass der Ozean uns überhaupt nicht braucht, um schön zu sein.“

Lest mehr im eclipsed Nr. 196 (12-2017/01-2018).

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