FAUST stricken weiter unverdrossen an ihrer Legende - mithilfe des Cadavre exquis

26. Mai 2017

Faust Krautrock

0

eclipsed: Der Albumtitel „Fresh Air“ klingt zunächst mal locker und leicht. Ein lockeres und leichtes Album ist es dann aber doch nicht geworden ...

Jean-Hervé Péron: Nein, das ist es nicht. Betrachtet man aktuell die Welt um sich herum, was in der Türkei passiert, in den USA und sonst wo, dann stinkt es gewaltig. Da wäre mal eine bisschen frische Luft angebracht.

Werner „Zappi“ Diermaier: Was das Stück „Fresh Air“ betrifft: Wir haben es live mit einem Vorspiel ausgestattet, mit einem Drone, in dem sich langsam der Rhythmus entwickelt. Das Intro war lang, es war spannend, mit verschiedenen Instrumenten. Dann sind wir eingestiegen in dieses „Bumm Dumm Bumm Dumm“. Und dann steigert es sich immer mehr. Das kann man fast endlos spielen. So ein Stück lebt von der Länge.

eclipsed: Beim zweiten Teil dieses Tracks seid ihr so rhythmisch wie noch nie oder zumindest seit langer Zeit nicht mehr. Und das will was heißen.

Péron: Das ist ein binärer Rhythmus, 1 – 2 – 1 – 2. Es vermittelt ein Urgefühl, ein Urthema. Solche Sachen mögen wir. Das war auch bei „It’s A Rainy Day“ schon so. Da war es noch einfacher. Solche Urthemen findet man in fast allen Zivilisationen. Selbst als man noch keine Instrumente hatte, wurde so etwas schon gespielt.

Diermaier: „Fresh Air“ ist entstanden, als wir mal in Tokio waren. Da gibt es tatsächlich Automaten, an denen man frische Luft atmen kann. Allerdings hat dort die frische Luft Geschmack: Himbeere, Waldmeister.

Péron: Da atmest du ein, und dann geht’s weiter durch den Smog.

eclipsed: Ihr habt mit dem neuen Album eine ganz neue Herangehensweise gewählt. Beim letzten Album „Just Us“ habt ihr beide noch allein gespielt und nur Grundlagen erstellt, mit denen dann andere Musiker weiterspielen sollten. Jetzt habt ihr mit vielen verschiedenen Gastmusikern gearbeitet.

Diermaier: Früher war ich immer etwas skeptisch bei Gastmusikern. Es wurden manchmal irgendwelche genommen, aber dieses Mal in Amerika war ich wirklich begeistert. Das waren Profis und Leute, die auch schon lange Musik machen. Wenn du Anfänger mitspielen lässt, ist das immer ein bisschen kritisch, weil die zeigen wollen, was sie können. Aber dieses Mal waren es Profis, die zugehört haben, die sensibel waren. Jeder einzelne war wirklich top. Jean-Hervé hat sie vorher ausfindig gemacht.

eclipsed: Es waren also nicht schon lange bekannte Freunde von euch.

Péron: Doch auch. Es waren sowohl Profis als auch Freunde. Barbara Manning haben wir 1994 kennengelernt. Ulrich Krieger hat schon in den 2000ern mit uns gespielt. Zwischen ihm und uns hat es sofort eine Empathie gegeben. Braden Diotte ist ein Langzeitbegleiter von unserem Avantgarde-Festival, sehr rücksichtsvoll und feinfühlig. Mit Jürgen Engler von Die Krupps haben wir schon „1900 soundso“ Aufnahmen in seinem Studio in Deutschland gemacht. Jetzt ist er ja in Austin, Texas. Das sind Freunde. Es funktioniert auf der menschlichen Ebene, und das ist für mich extrem wichtig.

eclipsed: Habt ihr dabei dann den Takt vorgegeben oder gesagt, in diese und jene Richtung soll es gehen?

Diermaier: Das war gar nicht nötig, denen zu sagen, was sie machen sollen. Wir haben vielleicht Ideen und kurze Themen vorgegeben.

Péron: Wir haben mal den Impuls gegeben, und darauf sind sie eingestiegen. Manchmal hat Ulrich auf seinem Saxofon losgelegt, was uns in eine bestimmte Stimmung versetzt hat. Dann haben wir reagiert, Barbara hat reagiert.

eclipsed: Habt ihr bewusst genau den gegenteiligen Ansatz zu „Just Us“ gewählt?

Péron: Das neue Album ist eher die Verlängerung von „Just Us“. Damals haben wir nur ein paar Tonspuren aufgenommen und gesagt: „Macht damit, was ihr wollt.“ Nach „Just Us“ hatten wir vor, eine Art Cadavre exquis zu machen. Das ist eine Technik des Surrealismus, bei der verschiedene Künstler nacheinander an einem Kunstwerk arbeiten, ohne zu wissen, was der Vorgänger gemacht hat. Wir haben unsere Vorlagen mit vielen Löchern drin an andere Leute geschickt, die daran weiterarbeiten sollten. Aber das hat nicht geklappt. Vielleicht werden wir das irgendwann wiederbeleben. Jetzt haben wir uns gedacht: Den Cadavre exquis machen wir live. Auf unserer Tour letztes Jahr in den USA hatten wir dann die Gelegenheit.

Diermaier: Beide Methoden waren sehr schön. Als wir „Just Us“ allein aufgenommen haben, da war es echt, es waren nur wir. Wir haben einfach drauflosgespielt und waren zufrieden mit minimalen Sounds. Das ist meine Lieblings-CD. Und dann das andere Extrem, dass noch Leute hinzukommen und die Sounds erweitern, das ist auch sehr schön geworden. 

Péron: „Fresh Air“ ist dann eher die logische Erweiterung von „Just Us“ und nicht das Gegenteil. Eine Art Fortsetzung. Ein Beispiel: Das Stück „Partitur“. Kleine Anekdote dazu: Die Amerikaner haben „Partitur“ falsch verstanden. Die dachten immer „Party Tour“. Ein anderes Missverständnis resultierte aus „Free Chaos“. Da haben einige „Freak House“ verstanden. Mein Freund Zappi mag es seit eh und je überhaupt nicht, wenn andere ihm sagen, was er tun soll. Dann habe ich ihm vorgeschlagen: Schreib du deine Partitur, und wir werden sie spielen. Zappi hat dann mit der Hand grafische Symbole gemalt, die haben wir abgefilmt. Das waren Kreise, Kurven, Spiralen. Das hat Zappi anschließend dirigiert, also Vorgaben geliefert, wann eine Pause oder ein Crescendo kommen soll. Wir haben dann das Visuelle in Musik umgesetzt und dabei auch das Publikum einbezogen. Im Studio haben auch die anderen Musiker und Studiotechniker mitgemacht. Auf die Projektion der Grafik wurde reagiert. Das hat live und im Studio sehr gut funktioniert. Wir haben das auf dem Album sehr stark reduziert, weil es langweilig werden könnte, wenn man nicht sieht, was passiert.

eclipsed: Im zweiten Teil des Tracks „Fresh Air“ und auch im Mittelteil von „Fish“ habe ich das Gefühl, ihr spielt euch in einen Rausch hinein.

Diermaier: So ist es auch. Wenn wir solche Sachen live spielen, vergeht für mich die Zeit viel schneller als in Wirklichkeit. Wir sind dann tatsächlich in einem Rausch. Es gibt Ausbrüche, es fällt wieder zusammen. Ein Stück, das auf der Bühne 20 Minuten dauert, geht für mich gefühlt nur 5 Minuten. Es ist dabei jeder für sich, aber du reagierst natürlich auch auf die anderen. Das passiert jedoch vielleicht gar nicht mal so bewusst. Dadurch steigert sich die Emotion auch noch.

Péron: Das Schöne dabei ist, dass man in dem Moment die Person vergisst, die man selbst ist. Wie man aussieht, das ist alles vollkommen weg. Man fühlt sich nur als Träger der Musik. Das ist für mich ein schönes Gefühl, wenn du nicht mehr weißt: Bin ich das? Man ist Teil eines Songs. Das ist ein seltenes Gefühl.

Diermaier: Es passiert mir oft, dass ich hinterher nicht weiß, wer was gemacht hat. Selbst ich, der ich doch der einzige Percussionist bin, kann oft nicht sagen, ob ich das gemacht habe.

eclipsed: Früher hattet ihr oft einen harten Drum-Sound. Das lag natürlich auch daran, dass ihr Industriebleche benutzt habt. Aber jetzt klingt das Schlagzeug zum Beispiel in „Birds Of Texas“ oder „Chlorophyl“ butterweich.

Diermaier: Vielleicht ist das gerade eine Phase. Bei den beiden Songs war das eine ganz spontane Angelegenheit. Das war in Texas in einem ganz kleinen Studio. Wir wussten wie meistens nicht, was wir machen, wenn wir anfangen. Das hat sich einfach ergeben. Ich hatte auch nicht das Gefühl, ich muss da jetzt was ganz Tolles machen. Ich habe einfach etwas ganz Simples gemacht.

Péron: Das, was du als „hart“ empfunden hast, liegt vielleicht daran, dass Zappi immer einen Groove findet, der nicht gerade ist. Es fließt mit den Impulsen, die er von anderen Musikern bekommt. Und da ich kein besonders begabter Bassist bin, mache ich Fehler. Zappi hört diese Fehler und interpretiert sie. Das wiederum bringt mich auf eine andere Idee. Er konsolidiert gewissermaßen meine Fehler. Dann spiele ich sie absichtlich. Das ist die besondere Gabe, die Zappi hat.

Diermaier: Der Trick ist, dass ich mich von Jean-Hervé inspirieren lasse. Ich spiele dazu, versetze aber die 1 auf ein Halbes nach hinten. Also habe ich einen ganz neuen Groove dazu, der dann gar nicht mehr dazugehört. Er gehört zwar metrisch dazu, aber dadurch, dass ich ihn einen Takt oder einen halben Takt nach hinten versetze, entsteht ein ganz neuer Groove, der zu der Musik Bezug hat, aber auch wieder nicht. Es entstehen „Knoten“. Das sind Stellen, an denen es irgendwie nicht passt. Diese „Knoten“ lösen sich wieder, und dann kommt so ein erlösender Moment. So was mögen wir sehr. Aber das machen wir nicht absichtlich. Das geschieht durch „lack of competence“.

eclipsed: Ihr habt dieses Mal auch sehr viele Streichinstrumente verwendet. Das erinnert ein wenig an das, was auf eurem 1973er-Album „Outside The Dream Syndicate“ mit Tony Conrad passierte.

Péron: Ja, da sind Bezüge da. Es ist auch ein klarer Wunsch von uns, dieses Gefühl zu interpretieren. Repetitiv: da bum, da bum, da bum. Und dazu Streichinstrumente. Dieses Mal war es keine Violine wie damals, sondern eine Viola von Ysanne Spevack. Sie spielt sehr gut und hat mit den Smashing Pumpkins gearbeitet. Und da war Maxime Manac’h, ein sehr alter Freund von uns und unserer Musik. Er hat uns je nach Gelegenheit immer wieder begleitet. Er spielt Drehleier, Hurdy Gurdy. Das ist ein Urinstrument. Die Drehleier ist der Ursprung der Drones. Die beiden zusammen und dazu Hall und Loops erzeugen das schöne Gefühl eines Teppichs.

eclipsed: Vor ein paar Jahren habe ich Karl Bartos von Kraftwerk gefragt, was ihm denn wichtiger sei, die Melodie oder der Rhythmus. Daraufhin fing er an, „Smoke On The Water“ und Beethovens Fünfte zu singen. Dann sagte er: „Den Rhythmus kennt man nicht mehr, aber die Melodien kennt jeder.“ Bei euch kommt noch eine wichtige weitere Komponente hinzu: der Klang. Was ist euch am wichtigsten: Melodie, Rhythmus oder Klang?

Péron: Uns ist nichts besonders wichtig. Wir haben Karl mal zu unserem Avantgarde-Festival nach Schiphorst eingeladen. Wir wollten eine akusmatische Session machen, also: Niemand sieht irgendeinen anderen oder was der andere gerade so macht. Karl ist auch gekommen und sein Anteil an dieser Session war, dass er in der Küche Kartoffeln geschält hat. So ist Karl, ein bisschen kompliziert. Karl mag sehr wohl recht haben bei „Smoke On The Water“ und Beethovens Fünfter. Aber bei uns ist es anders. Wenn du Leute fragst: „An was kannst du dich bei Faust erinnern?“, dann sagen die: „Dumm dumm dumm dumm, ah, das ist ‚It’s A Rainy Day‘, oder dung dung digidung, das ist ‚Fresh Air‘.“ Da ist keine Melodie drin. Es gibt bei Faust keine genaue Antwort.

eclipsed: Ist die Band Faust mit ihrer Karriere, die bald ein halbes Jahrhundert dauert, ein Gesamtkunstwerk? Was ist Faust? Kunst? Anarchie? Humor?

Péron: Oder ist Faust schön? Diese Fragen stellen wir uns nicht. Aber wenn ich jetzt eine Antwort gebe, dann sage ich: Ja, Faust ist ein Gesamtkunstwerk. Das, was wir jetzt produzieren, wäre nicht möglich ohne unsere älteren Werke. Wir haben vor fast 50 Jahren angefangen und wachsen immer noch, und neue Möglichkeiten sind bei uns gern willkommen. Faust hört nicht auf. Wir schwören nicht auf ein Konzept. Es entwickelt sich.

Diermaier: Reproduktionen waren uns nie besonders wichtig. Wir wollen nicht das machen, was wir auch am Anfang gemacht haben.

eclipsed: Live lebt ihr dann für den Moment und lasst den Dingen einfach ihren Lauf.

Diermaier: Ja, absolut.

Péron: Am Anfang war es uns wirklich egal, was das Publikum von uns hält. Jetzt sind wir ein bisschen älter und wissen, dass man das Publikum respektieren muss. Die Leute kaufen ein Ticket und wollen Faust so sehen, wie sie sich das wünschen und wie sie die Band kennen. Das berücksichtigen wir. Eine Setlist besteht zu einem Teil aus reiner Improvisation, wo wir nicht wissen, was passiert, dann ein Teil mit Improvisationen über bestimmte Themen und schließlich Interpretationen von älteren Sachen. Da freuen sich die Leute dann. 

eclipsed: Ich habe euch einmal hier in Hamburg im Hafenklang gesehen. Da hattet ihr den Boden mit Heu und Stroh ausgelegt. Dann hast du mit einer Flex einige Bleche bearbeitet, und die Funken flogen durch die Gegend. Das hätte die Feuerwehr nicht wissen dürfen.

Péron: Ja, das war ein gutes Konzert. Die Feuerwehr haben wir oft gehabt.

Diermaier: Da hättest du mal auf unserer ersten und zweiten USA-Tour dabei sein sollen. Da sah die Kulisse jedes Mal aus wie nach dem Krieg. Es war alles zerstört. Es hat gebrannt. Überall war Wasser. 

Péron: Da haben wir mit dem Vorschlaghammer Fernseher zertrümmert. Wir hatten kleine Flammenwerfer. Wir haben aktuell ein Angebot aus Los Angeles. Wir sollen in einem großen Ausstellungsraum spielen. Die wollen, dass wir wieder solche Sachen machen. Aber eigentlich wollen die nur einen Skandal. Den können wir machen. Das haben wir nicht verlernt.

eclipsed: Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn scheint bei Faust sehr schmal zu sein.

Péron: Genie kann man weglassen. Unser Genie, Rudolf Sosna [Gründungsmitglied, verstorben 1996], ist schon vor langer Zeit von uns gegangen. Rudolf war in meinen Augen ein Genie. Zappi und ich sind Dilettanten. Wir sind die Wahnsinnigen. 

eclipsed: Wie fällt ein Vergleich zwischen Faust heute und Faust Anfang der 70er Jahre aus?

Péron: Außer solchen Dingen wie unseren Gelenken hat sich nichts geändert. Um es romantisch auszudrücken: In unseren Herzen pulsiert es weiter. Wir sind älter geworden. Bestimmte Sachen gehen nicht mehr so wie früher. Ich kann nicht mehr 20 Minuten lang mit einem Vorschlaghammer auf einem 2000-Liter-Öltank rumhauen. Lust hätte ich. Zappi ist genauso crazy wie früher. Aber er humpelt ein bisschen.

Diermaier: Anfang der 70er Jahre haben wir solche verrückten Sachen noch gar nicht gemacht. Da haben wir eher klassische Instrumente gespielt. Es kam erst etwas später, dass wir Maschinen benutzt haben.

eclipsed: Und die Einstellung dem Leben gegenüber? Mit knapp 50 Jahren Erfahrung mehr?

Diermaier: Die Veränderung kriegt man selbst zum Glück nicht mit. Aber von außen betrachtet erkennt man bestimmt etwas.

Péron: Ich merke es daran: Wenn ich heute eine junge Dame anspreche, dann ist sie nicht mehr so begeistert ...

eclipsed: Mir wurde auch schon in der U-Bahn ein Platz angeboten.

Péron: Und ich fordere einen Platz, wenn ich nicht mehr stehen kann. Dann hole ich mir einen Jungspund und fordere ihn auf, mir den Platz anzubieten.

eclipsed: Wenn man Faust umsetzen würde in Malerei. Wie sähe das Bild aus?

Péron: Du nimmst möglichst viele Farben und schmeißt sie an die Wand.

Diermaier: Wir würden wohl auch „Overdubs“ draufmachen. In Form von geraden Strichen.

* * * Interview: Bernd Sievers

Kommentare

Noch keine Kommentare.

Zum Kommentieren bitte einloggen oder registrieren.