GENESIS - Show über zwölf Runden

12. Oktober 2017

Genesis

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„‚Seconds Out‘ war eine viel bessere Platte als ‚Genesis Live‘, weil wir es als Livealbum ernst genommen haben“, erinnert sich Tony Banks in der 2006 erschienenen Oral History „Chapter & Verse“. Tatsächlich war jenes erste, 1973 erschienene Livedokument ein Kind der Strategie von Genesis’ Label Charisma. Und die lautete: Veröffentliche ein kurzes, preisgünstiges Livealbum, um bei den Fans das Interesse an der Gruppe bis zu ihrem nächsten Studiowerk hochzuhalten, und schicke sie mit der Liveplatte dann ein weiteres Mal auf Tour. So ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Trotz dieses etwas windigen Geschäftsgebarens war „Live“ qualitativ alles andere als ein Schnellschuss. Die Band um den theatralischen Frontmann Peter Gabriel hatte bewusst ihre aggressivere Seite in den Mittelpunkt gestellt, was ihr ein neues Publikum eröffnete. Dazu hatte der Sänger eine faszinierende surreale Kurzgeschichte verfasst, die Charisma auf dem Backcover der LP abdruckte. Aber es war nun mal ein Einzelalbum, und fünf Songs repräsentierten selbst bei einer Progressive-Rock-Band schwerlich ein komplettes Konzert.

Daher hatten Genesis vier Jahre später mit ‚Seconds Out‘ eindeutig Größeres vor. Einerseits wollten Banks, Phil Collins, Mike Rutherford und Steve Hackett zeigen, wo sie knapp drei Jahre nach dem Ausstieg ihres populären Sängers als Quartett standen; gleichzeitig wollten sie einen Schlussstrich unter die Gabriel-Ära ziehen – und zwar nicht, indem sie die alten Stücke ignorierte und ausschließlich neuere Songs auf die Platte packten. Vielmehr spielten sie die „Klassiker“, die ja gerade mal zwischen drei und sechs Jahre auf dem Buckel hatten, in neuem Gewand, veredelt mit dem Gesang ihres jetzigen Leadsängers Phil Collins.

Collins spielte im Studio zwar weiterhin Schlagzeug, doch auf der Bühne wurde er zunächst durch Bill Bruford, ab der „Wind & Wuthering“-Tour dann durch den ehemaligen Weather-Report- und Zappa-Musiker Chester Thompson ersetzt. Ganz konnte er es freilich auch live nicht lassen: Bei den Shows stand ein zweites Drumset bereit, an dem Collins immer wieder Platz nahm, um sich dramatische Duelle mit Thompson zu liefern – ein aufsehenerregendes Novum bei Genesis-Shows, nachzuhören vor allem im furiosen Finale „Los Endos“.

Gewinn für alte und neue Fans

Auf diese Art machte die Gruppe es allen irgendwie recht: Die alten Fans freuten sich über Liveversionen von Songs wie „Firth Of Fifth“ oder „Supper’s Ready“, von denen es keine offiziellen Aufnahmen gab, während die stetig wachsende Schar neuer Anhänger erfuhr, wo die Wurzeln der Band lagen. Wohl gerade auch aus diesem Grund nimmt sich die Auswahl neuerer Songs vergleichsweise bescheiden aus: Den immerhin noch vier Stücken des ersten Post-Gabriel-Albums „A Trick Of The Tail“ steht mit „Afterglow“ ein einziges des aktuellen Werks „Wind & Wuthering“ gegenüber. Dave Bowler und Bryan Dray, Autoren des 1992 erschienenen Standardwerks „Genesis. A Biography“, sehen den Grund hierfür in der stark verbesserten Aufnahmetechnik, die den alten Stücken neuen Glanz verlieh. Die Versuchung, diese klanglich restauriert neu zu präsentieren, war zu groß: „Von der Tonqualität her klangen Songs wie etwa ‚The Cinema Show‘ um Welten besser als die Erstaufnahmen auf den Original-LPs, was eine Folge der inzwischen besseren Technik war.“

Mike Rutherford bestätigte dies Anfang der Neunzigerjahre und erklärte gleichzeitig, dass auch die Band viel besser geworden war: „Viele der älteren Aufnahmen waren sehr schlecht. Wir produzierten live einfach bessere Versionen.“ Ob dies der Wahrheit entspricht, ist Ansichtssache, tatsächlich aber gaben sich Genesis viel Mühe, aus ihrem neuen Livedokument etwas ganz Besonderes zu machen.

Lest mehr im eclipsed Nr. 194 (10-2017).

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