THE DOORS - Magische Momente

22. März 2017

The Doors

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Sie hätten es schon lange nicht mehr am Stück gehört, lächeln John Densmore und Robby Krieger beim eclipsed-Termin in Los Angeles. Das läge freilich keineswegs daran, dass ihnen das Debüt der Doors heute unangenehm wäre. „Wir haben die Stücke einfach so oft gespielt, dass wir sie sogar rückwärts bringen könnten“, lacht Krieger. Und der 71-Jährige fährt fort: „Wenn ich uns zufällig beim Autofahren im Radio höre, drehe ich ganz laut auf, weil ich wahnsinnig stolz darauf bin.“ Wozu der Gitarrist auch allen Grund hat. Denn was die Gruppe damals, im August 1966, an gerade mal sechs Tagen aufgenommen hat, ist ein Meilenstein. Ein Werk, das sich zwanzig Millionen Mal verkauft hat, gleich mehrfach neu aufgelegt wurde und nach wie vor magisch klingt.

Magisch wegen seines Sounds, der auf einer simplen Livedarbietung ohne Overdubs basiert, aber auch wegen einer Band, die sich gekonnt zwischen Rock, Jazz, Blues und Cabaret bewegt beziehungsweise mit ihren Fähigkeiten glänzt: hier der charismatische Morrison, der sich die Seele aus dem Leib singt, dort das super-tighte Trio, bestehend aus Ausnahmemusiker Ray Manzarek, der Klassik und Blues einfließen lässt, Robby Krieger, ein Experte für Latin- und Psychedelic Rock, sowie John Densmore, der in „Break On Through (To The Other Side)“ sogar Bossa Nova trommelt, ohne dass es auffällt. „Es ist der Rhythmus von ‚The Girl From Ipanema‘ von Antônio Jobim. Einer meiner absoluten Lieblingssongs“, grinst der weißhaarige Althippie. „Weil dieses Brasiliending zu der Zeit wahnsinnig populär war, spielte ich ein bisschen damit herum, was die anderen großartig fanden. Sie hatten eben Humor.“

Das zeigt sich auch an den Coverversionen des Albums. Einerseits der „Alabama Song“ von Brecht/Weill von 1927, der als Martin-Luther-Parodie konzipiert war. Andererseits Willie Dixons „Back Door Man“, ein Chicagoblues mit eindeutig zweideutigem Text. „Es geht um Frauen wie in jedem guten Blues. Dass sie einem den Kopf verdrehen und nach Strich und Faden verarschen. Also dass man quasi nicht mit ihnen, aber auch nicht ohne sie kann, das alte Lied“, grient Krieger. „Und Jim mochte den Blues. Und er mochte Frauen.“

Wovon testosterongeschwängerte Texte wie „Twentieth Century Fox“ oder „Light My Fire“ zeugen, die sich um besonders attraktive Exemplare der Gattung Frau drehen. Es sind Bekenntnisse zu Sexualität und Lust, die der modernen Rockmusik komplett abgehen, weshalb sich die verbliebenen Doors wenig begeistert vom Hier und Jetzt zeigen. „Rockmusik sollte wild und rebellisch sein“, philosophiert Krieger. „Sie sollte Grenzen ausloten, mit Moralvorstellungen kokettieren und das Alte, Konservative angreifen. Das gibt es heute nicht mehr. Die Welt ist lethargisch und konsumorientiert. Das schlägt sich auch in der Kunst nieder: sie hat keine Botschaft, keinen Biss, keine Tiefe.“

Ganz anders die Doors: statt sich – wie bis Mitte der Sechziger üblich – auf Singles zu konzentrieren, setzten sie auf das LP-Format und bemühten sich, einen Elf-Lieder-Parcours zu schaffen, der den Hörer auf eine Reise schickt, ihn wachrüttelt und seine grauen Zellen sensibilisiert. „Wir waren nie explizit politisch, mit Ausnahme von ‚Unknown Soldier‘, das ein Appell an den gesunden Menschenverstand war“, so Krieger. „Wir hatten keine Botschaften, sondern wollten lediglich Anstöße liefern. Wie in ‚The End‘, in dem wir das Dunkle und Bedrohliche dieser Zeit eingefangen haben. Also den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg, der Zehntausende Menschenleben kostete. Oder ‚Break On Through‘, das dazu aufrief, den Hass und die Gewalt zu überwinden und durch die Bürgerrechtsbewegung ein besseres, neues Amerika zu erschaffen. Daran haben wir geglaubt, und das hat Jim in wunderbare poetische Texte verpackt.“ Das Stichwort für Densmore: „Es waren Texte, die es in der Rockmusik so noch nicht gab. Vor Jim Morrison drehte sich alles um harmlosen Teenagerquatsch. Doch plötzlich war da Poesie, waren da Inhalte, die dich zum Nachdenken brachten und von einer grandiosen Baritonstimme vorgetragen wurden. Dabei hatte Jim nie Gesangsunterricht. Er konnte weder ein Instrument spielen noch Noten lesen. Trotzdem hatte er all diese Songs im Kopf.“

Lest mehr im eclipsed Nr. 189 (04-2017).

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