Es war ein langer Weg bis zum Debüt. Vor knapp zehn Jahren fanden sich mit Exploring Birdsong drei Musikstudenten zusammen, die mit ihrem ungewöhnlich instrumentierten Gemisch aus Prog und Artpop sofort auffielen. Statt Gitarre rückten sie das Klavier von Frontfrau Lynsey Ward ins Zentrum, zu hören auf ihren ersten EPs. Jetzt erscheint mit „Every House We Built“ das erste Werk des Liverpooler Trios auf Albumlänge: nuanciert, abwechslungsreich und mit dichtem Konzept, das Häuser als Analogie für menschliche Beziehungen verwendet. „Für uns ist es eine aufregende Zeit“, sagt Drummer Matt Harrison, „weil viele Leute erst jetzt unsere Musik entdecken.“
eclipsed: Hallo Lynsey, hallo Jonny, hallo Matt. Wir leben in politisch wie sozial unruhigen Zeiten. Wie erlebt ihr all das gerade?
Lynsey Ward: Das stimmt, seit der Pandemie durchläuft der Planet eine sehr krasse Storyline. Weil wir im Alltag ständig mit Nachrichten konfrontiert werden, lässt es sich kaum vermeiden, dass all das unsere Gefühle und unser Denken beeinflusst. Manchmal ist es mühsam, trotzdem positiv in die Zukunft zu blicken. Vor allem, wenn bestimmte politische Personen Dinge sagen, die sachlich völlig gaga sind. Heutzutage verbreiten sich Fake News so schnell wie nie zuvor, und obwohl diese Leute an die Sachen glauben, die sie sagen, liegen sie immer noch falsch. Es sind interessante Zeiten, wenn man kreativ arbeitet, denn zwangsläufig beeinflusst das auch die Kreativität.
Matt Harrison: Es fällt leicht zu denken, dass die Welt im Arsch ist – zu Recht. Aber gerade in diesen schwierigen Zeiten zeigt sich, wer die guten Leute sind. Und von denen gibt es jede Menge. Es wird nur dann gefährlich, wenn man in einer Blase gefangen ist. Auf welcher Seite man auch steht, man sollte offen und verständnisvoll für seinen Gegenüber sein.
Jonny Knight: Es gibt dieses Zitat aus dem Buch „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood: „Lass dich von den Mistkerlen nicht unterkriegen.“ Viele der problematischen Figuren unserer Zeit wollen, dass wir uns hoffnungslos fühlen. Deswegen ist es umso wichtiger, an die Hoffnung zu glauben. Klar gibt es auf „Every House We Built“ viele düstere Emotionen, wie Verlust und Wut. Aber für mich sind die intensivsten Passagen diejenigen, die Hoffnung ausstrahlen. Trotzdem werden wir nicht „We Are The World, Part 2“ komponieren (lacht). Ich denke da an „42“ zum Beispiel. Das habe ich während der Pandemie geschrieben, als viele Menschen in meinem Umfeld an Verschwörungstheorien zu glauben begannen. Es war entmutigend, das mitzuerleben, es war aber auch lächerlich. Deswegen wollte ich das ein wenig aufs Korn nehmen. Generell ließen wir uns für „Every House We Built“ also von unseren persönlichen Erlebnissen inspirieren. Gerade weil es unser Debüt ist, wollten wir den Fokus auf uns legen und weniger nach außen blicken, um das einzufangen, was Exploring Birdsong ausmacht.
eclipsed: Ist „42“ eine Anspielung auf Douglas Adams und „Per Anhalter durch die Galaxis“?
Knight: (lacht) Ursprünglich schon. Die Idee zu dem Song stammt von mir und ist autobiografisch. Mein Geburtstag ist der 4. Februar. Als Junge las ich dann „Per Anhalter durch die Galaxis“, wo 42 die Antwort auf das Universum, das Leben und den ganzen Rest ist. Und so wurde sie zu meiner Zahl. Plötzlich sah ich sie überall, als würde sie mich verfolgen. Das war meine kleine Verschwörungstheorie, an die ich lange geglaubt habe. Als ich dann den Song schrieb, las ich viel darüber, wie gefährlich es ist, sein Leben vorauszuplanen und darüber seinen Alltag zu vergessen. Und seit ich es Matt und Lynsey erklärt habe, sehen sie plötzlich auch überall die 42.
Harrison: Es ist real! Und weil du es jetzt weißt, steckst du automatisch mit drin. Die 42 wird dich jetzt auch verfolgen, sorry! (lacht)
eclipsed: „Every House We Built“ ist stilistisch sehr abwechslungsreich, wirkt aber trotzdem in sich geschlossen. Wie kommt’s?
Ward: Jeder Sound auf dem Album kommt von uns: Klavier, Bass, Schlagzeug und Gesang. Diese Zutaten sind quasi das Bindegewebe von Exploring Birdsong und zwar von Anfang an. Es gibt sicher viele Elemente in unserer Musik, die um die Aufmerksamkeit unserer Zuhörer ringen, aber der Kern bleibt stets derselbe. Auf uns lastet kein Druck, ein spezifisches Genre bedienen zu müssen. Wir machen einfach die Musik, die wir gern hören möchten. Es gibt schwere Riffs, weil wir Metal lieben, aber auch ein Song wie „I_You“, sehr hüpfend und leicht. Und so fallen die Rückmeldungen, die wir für das Album kriegen, sehr unterschiedlich aus. Manchen Leuten gefällt die erste Hälfte des Albums besser, die an unseren vorherigen Sound anknüpft. Andere mögen die zweite Hälfte, wo wir etwas mehr in die Breite gehen. Man könnte jetzt enttäuscht darüber sein, aber mich beflügelt das, denn es zeigt mir, dass wir beides überzeugend umsetzen können. Für mich ist das eher ein Beweis dafür, wie breitgefächert Exploring Birdsong sind.
Knight: Gleichzeitig wollten wir, dass eine gewisse Kohärenz und eine musikalische Reise entstehen. Wir lieben die ganzen klassischen Konzeptalben und haben sehr genau durchdacht, in welcher Reihenfolge wir die Songs präsentieren. Als Lynsey uns das Demo zu „Archipelago“ präsentiert hat, wussten wir etwa direkt: Das wird der Opener. So ging es uns mit vielen anderen Songs auch, dass wir genau wussten, wo sie hingehören.
Das gesamte XXL-INTERVIEW ist Teil unseres ONLINE-ABOS >> https://www.eclipsed.de/de/abo