KARIBOWs Kunststück: komplexe Tonfolgen als butterzarte Ohrenschmeichler

6. Mai 2026

Karibow

KARIBOWs Kunststück: komplexe Tonfolgen als butterzarte Ohrenschmeichler

Der konzertante AOR von SAGA, der melodiöse Rock’n’Roll von Fury In The Slaughterhouse, It Bites’ Pop-getränkter Prog und Artrock à la Pink Ployd – KariBow weiß, diese Elemente zu einem faszinierenden Ganzen zu verschweißen. Und das nicht erst seit gestern: Die Band, Trägerin des Deutschen Rock & Pop Preises (2014), gibt es seit 1996. Unter der Leitung von Studiomusiker, Produzent, Songschreiber und Multiinstrumentalist Oliver Rüsing bringt sie mit „Ophelia“ (9-Sterne-Bewertung im letzten Heft) ein weiteres Studioalbum heraus. Es nimmt Bezug auf die tragische Frauengestalt in Shakespeares berühmtem Drama „Hamlet“. Im ausführlichen Gespräch gibt der Musiker aus dem nordrhein-westfälischen Wetter Lesenswertes über seine Weltanschauung und seine Arbeitsweise preis…

eclipsed: Du hast neben diversen EPs bald 20 Alben herausgebracht. Du produzierst, singst, schreibst alle Texte und die gesamte Musik und spielst fast alle Instrumente selbst, und das ist vermutlich noch lange nicht alles. Wann schläfst du eigentlich?

Oliver Rüsing: Schlafen habe ich mir schon vor Jahren abgewöhnt, weil ich nachts sowieso ständig von den Ohrwürmern wachgehalten werde, die ich von der Studioarbeit mit nach Hause bringe (lacht). Aber im Ernst: Ich arbeite ja täglich im Studio und „finde“ wahnsinnig gern neue Musik. Dieser Zauber hat seit fast 50 Jahren nicht aufgehört. Glücklicherweise spare ich beim Songwriting viel Zeit, weil mir die Ideen praktisch nie ausgehen. Ich hoffe, dass das auch noch eine Weile so bleibt.

eclipsed: Dein neues Album „Ophelia“ nimmt mit dem Titel Bezug auf die tragische Frauengestalt in Shakespeares „Hamlet“. Wenn ich es richtig verstehe, ist es aber kein Konzeptalbum zu diesem Werk der Weltliteratur, sondern du beziehst dich auf das Schicksal besagter Figur als Ausgangspunkt für andere Fragestellungen. Wie bist du darauf gekommen? Was genau ist die Thematik des Albums? 

Rüsing: Wenn ich heute die Nachrichten anschaue, dann hat das, was ich auf der Weltbühne so sehe, nicht allzu viel mit dem zu tun, was ich mir vor 20 Jahren erhofft habe. Ich schätze, das geht nicht nur mir so, und dieser Weltschmerz hat ja schon was Tragisches an sich. Ich habe viel über Wege nachgedacht, mit dieser Empfindung umzugehen, und da gibt es sicher sehr verschiedene Ansätze, die z.T. eskapistisch, offen pessimistisch oder auch trotzig-optimistisch sind. Tatsächlich sind das auch die Themen der Songs dieses Albums. Den „Hamlet“ kenne ich schon seit meinem Englisch-Leistungskurs in der Schule, und die tragische Gestalt der Ophelia hat mich immer irgendwie fasziniert. Ich persönlich möchte allerdings nicht unbedingt so enden wie die arme Frau. Deshalb suche ich jeden Tag neue und positivere Wege für mich und mein Umfeld, auf das ich Einfluss habe.

eclipsed: Du verbindest schon seit längerer Zeit AOR-, Melodic-Rock- und progressive Elemente in deiner Musik. Diesmal scheint mir letztere Komponente stärker als sonst vertreten zu sein. Würdest du mir da zustimmen? Wie ist es dazu gekommen? War das eine bewusste Entscheidung, oder hat sich das eher in deiner musikalischen Entwicklung ergeben?

Rüsing: Dieses Hin und Her geht ja schon seit Jahren so. Ich habe nie viel davon gehalten, mich selbst in Schubladen zu stecken oder in diese gesteckt zu werden, und ich mache eigentlich nur, was ich künstlerisch wirklich gern machen möchte. Natürlich variiert das, aber es ist ganz sicher nie geplant, so nach dem Motto: „Jetzt schreibe ich mal ein Prog-Album“, auch wenn das Pendel diesmal wieder etwas mehr in diese Richtung ausgeschlagen hat. Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen ich mir musikalisch die Hörner abstoßen musste. Nach einem halben Jahrhundert musikalischer Aktivität muss ich mir da nichts mehr beweisen und arbeite normalerweise einfach songdienlich. Allerdings gibt es dann eben auch immer mal wieder so Momente, in denen das musikalische Teufelchen in mir mit dem Auge zwinkert und es mich wieder reizt, die Dinge vom Arrangement oder vom Spieltechnischen her so komplex anzugehen, dass ich es selbst erst mal nicht verstehen und lernen muss. In Kombination mit meiner kompositorischen und stilistischen Offenheit ergibt sich dann wohl das, was man „progressiv“ nennen könnte. Ich selbst nenne das Ganze lieber „Prog’n’Roll“.

eclipsed: Trotz der vielen progressiven Elemente (z.B. in der Rhythmik) klingt deine Musik wie aus einem Guss. Jemand, der darauf nicht achtet oder nur nebenbei hört, dem würde die Komplexität gar nicht unbedingt auffallen. Wie machst du das? Gibt es da einen bestimmten Trick, eine bestimmte Arbeitsweise?

Rüsing: Das ist eine sehr schöne Frage. Tatsächlich wurde sie mir so noch nie gestellt. Ich habe ja vor langer Zeit mal Kunst studiert. Damals hat mich die altmeisterliche lasierende Schichtenmalerei sehr fasziniert und ich habe auch selbst so gearbeitet. Ich stellte dann irgendwann fest, dass ich das musikalisch genauso mache. Eigentlich male ich Musik in tonalen Schichten. Der wesentliche Unterschied besteht allerdings darin, dass beim musikalischen Arrangieren auch Schritte zurück möglich sind. Dabei hilft es mir sehr, Multiinstrumentalist zu sein, weil ich einzelne Parts jederzeit selbst noch mal neu einspielen oder ergänzen kann, um das Frage-Antwort-Spiel im Arrangement zu vertiefen. Die dadurch entstehenden komplexen Netze und Feinheiten, also das Zwiegespräch der Instrumente untereinander, nimmt man dann oft erst nach mehrmaligem Hören wahr, wenn irgendwann die eigentlich vordergründige Hookline etwas in den Hintergrund tritt. Ich persönlich mag es sehr, wenn mir Musik auch nach mehrmaligem Hören nicht langweilig wird, weil in den Arrangements noch viel Spannendes versteckt ist, das sich erst mit der Zeit offenbart.

KARIBOW - Ophelia (2026)

Das gesamte XXL-Interview ist Teil unseres Online-Abos, siehe auch https://www.eclipsed.de/de/abo

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