Das aktuelle Heft / eclipsed Nr. 239 / 04-22

GLAM ROCK - Ziggy Stardust, T.Rex und die knallbunte Glam-Ära

Ein androgyn aussehender, exzentrisch gestylter Mann kniet vor seinem wie im Rausch spielenden Gitarristen und simuliert mit den Gitarrensaiten eine Fellatio. Dieser Bühnenmoment von David Bowie alias Ziggy Stardust und Mick Ronson ist der wohl berühmteste des Glamrock, zeigt er doch die sexuelle Spannung, die Extravaganz, das Grelle, das Unberechenbare, aber auch den großen Spaß, den diese musikalische Bewegung ausmacht ... 

ARCHIVE - Kollektives Tagebuch und prophetisches Statement  

2019 machte die britische Band Archive ein Vierteljahrhundert Bandgeschichte zum Konzept der Compilation „25“. Nun veröffentlicht sie mit „Call To Arms & Angels“ ein Konzeptalbum, das den gesamten Werdegang der Band widerspiegelt. Musik ist heute vor allem ein Wirtschaftsfaktor. Die Tage, in denen Rock per se zur Gegenkultur gehörte, liegen lange zurück. Algorithmusgesteuerte Portale wie Spotify sind eine weitere Stufe auf dem Weg der Entwicklung von Musik zu einem harmlosen Konsumgut ...

JOE SATRIANI - Gemälde mit Pinsel und Gitarre

Er hat für Mick Jagger, Alice Cooper und Deep Purple gespielt und mit der All-Star-Hardrockcombo Chickenfoot auch im Bandformat sensationelle Erfolge gefeiert; Gitarrenasse wie Steve Vai, Kirk Hammett (Metallica) und Alex Skolnick (Testament) sind bei ihm in die Lehre gegangen. Nun bringt der auf Long Island geborene, seit 1978 in der Nähe von San Francisco lebende Saitenzauberer Joe Satriani mit „The Elephants Of Mars“ sein bereits 18. Soloalbum heraus.

MIDNIGHT OIL - „Wie ein Baby im Sandkasten“

Nachdem Midnight Oil zwischen 2002 und 2016 infolge der politischen Karriere ihres Sängers Peter Garrett weitgehend inaktiv geblieben waren, veröffentlichten sie 2020 mit „The Makarrata Project“ ihr erstes Studiowerk seit 18 Jahren. Nun serviert die Band mit dem bei denselben Sessions entstandenen „Resist“ ein wütendes Manifest gegen Klimawandelleugner und Umweltzerstörer. Bitterer Beigeschmack: Es könnte zugleich das letzte Album der Australier sein. Nach der Tour zum 50-jährigen Dienstjubiläum soll jedenfalls Schluss sein mit Liveauftritten.

MICHAEL ROMEO - Fortsetzung mit ganz eigenen Mitteln

„To be continued“ heißt es etwa am Ende eines Films, um die Zuschauer darauf hinzuweisen, dass die Geschichte weitergeht. Denselben Zweck erfüllt in der Musik der Zusatz „Part 1“ am Ende eines Albumtitels. Michael Romeos „War Of The Worlds, Pt. 1“ erschien bereits im Juli 2018. Rund dreieinhalb Jahre später rückt der Symphony-X-Gitarrist nun endlich mit dem zweiten Teil heraus – und der ist weit mehr als nur ein „Sequel“.

TANGERINE DREAM - Im Raum-Zeit-Kontinuum

„Zeit“ heißt ein legendäres Album der Elektronikpioniere aus dem Jahre 1972. Nun schließen Tangerine Dream in ihrer aktuellen Besetzung aus Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Paul Frick mit dem neuen Werk „Raum“ thematisch daran an. Es ist nach dem Tod des Bandgründers Edgar Froese im Jahr 2015 das zweite Studiowerk mit neuem Material seit „Quantum Gate“ (2017). Im Zoom-Interview gaben Quaeschning und Frick Auskunft darüber, wo Tangerine Dream anno 2022 stehen.

SOULSPLITTER - Maximal kreativ

Seit ihrem Debüt „Salutogenesis“ sind SOULSPLITTER ein echter Geheimtipp der deutschen Progmetalszene. Auch bei der Produktion ihres zweiten Albums „Connection“ gingen die jungen Musiker zwischen Mitte und Ende 20 ohne Genrescheuklappen zu Werke und kreierten anspruchsvolle Musik, die gleichermaßen auf Herz und Hirn zielt. Gitarrist Simon Kramer und Schlagzeuger Fenix Gayed, die beide an der Popakademie in Mannheim studiert haben, sprachen mit eclipsed über die Entstehung des Albums, dessen Songs davon handeln, wie man mit unsicheren Zeiten zurechtkommt und dadurch innerlich wächst. 

PATTERN-SEEKING ANIMALS - Nur auf der Durchreise

Der Mensch ist nur ein vorübergehender Gast auf diesem Planeten. Homo sapiens erschien erst vor etwa 300.000 Jahren auf der Erde und wird wie andere Tierarten früher oder später wieder verschwinden. So ist der Titel „Only Passing Through“ des dritten Albums von Pattern-Seeking Animals zu verstehen – ein Name, bei dem es sich seinerseits um eine Umschreibung jenes Wesens handelt, das sich gern als Krönung der Schöpfung betrachtet ...

MANIKIN RECORDS - Gralshüter der Berliner Schule

Die kleine, aber feine Nische der traditionellen elektronischen Musik wird von gerade mal einer Handvoll spezialisierten Labels abgedeckt. Manikin Records, am 1. April 1992 in Berlin gegründet, kann für sich beanspruchen, besonders konsequent und fruchtbar die große Tradition der Berliner Schule (Tangerine Dream, Klaus Schulze u. a.) fortgeschrieben zu haben. Anlässlich seines in diesem Jahr begangenen 30-jährigen Jubiläums werfen wir hier einen Blick auf Ausrichtung und Entwicklung des Labels. 

GARY BROOKER hat mit „A Whiter Shade Of Pale“ dem Rock einen großen Klassiker beschert

Im Alter von 76 Jahren ist Urgestein Gary Brooker zu Hause an Krebs verstorben. Er hinterlässt ein großes Vermächtnis, das er mit seiner Band Procol Harum vor allem in der zweiten Hälfte der Sechziger geschaffen hat. Früh kam er durch seinen Vater Harry, einen Profimusiker, mit Instrumenten in Berührung. Das Klavier sollte zum Hauptinstrument des Sängers und Komponisten werden ...

Zum 30. „Main Offender“-Jubiläum erleben die X-PENSIVE WINOS ein echtes Comeback

Es war ein stürmischer Tag im Februar 2022, als man Keith Richards zum ersten Mal auf Facebook beim Auspacken der „Main Offender 30th Anniversary Edition“ beobachten konnte. Der gute alte Keef kam dabei regelrecht ins Schwärmen: „Es ist unglaublich. Ich sage euch, dieses Boxset ist nicht schlecht. All dieses Zeug, die Bilder und das Gekritzel. Und vor allem das, was ich mache. Ich liebe es, Rock&Roll zu spielen. Das kommt aus dem Herzen. Ich schaue rein und sehe meine besten Freunde. Ich liebe es, mit diesen Leuten zu spielen. Liebte es von Anfang an.“

Die amerikanische Band MIDLAKE nähert sich wieder ihren folkloristischen Wurzeln an

„Im Grunde wollten wir uns sammeln, neu orientieren und einfach schauen, dass wir mal etwas anderes im Leben machen.“ Mit entwaffnender Ehrlichkeit begründet Sänger und Gitarrist Eric Pulido die lange Pause, die Midlake nach ihrem 2013 erschienenen Album „Antiphon“ eingelegt haben. „Wir wollten vermeiden, dass wir uns am Ende hassen und die Band Geschichte wäre.“ Tatsächlich hatte es bereits vor dem Album einen radikalen Bruch bei der Band aus Texas gegeben. Sänger und Songwriter Tim Smith war ausgestiegen, und Pulido hatte entschieden, sich selbst als Ersatz am Mikro auszuprobieren.

NAXATRAS zeigen sich überaus farbenfroh zwischen Prog, Psych und Classic Rock

2015 orientierten sich Naxatras vom Stoner Rock hin zum Psychedelic Rock. Ihr mysteriöser Bandname leitet sich von den „Nakshatras“ ab und stammt aus der hinduistischen Astrologie, wird dort verwendet, um die verschiedenen Mondphasen zu beschreiben. „IV“, der Titel des aktuellen Albums, lässt nun alles offen, auch ungeachtet einer möglichen Verbindung zu Led Zeppelins viertem, eigentlich unbetiteltem Album. Das Cover zeigt, einem psychedelischen Farbenrauschen gleich, ein esoterisches Fantasy-Thema mit einem fremdartigen Krieger, der zwei Schwerter in den Händen hält. 

Auf ihrem neuen Album „Isle Of Wisdom“ entführt die schwedische Band HÄLLAS die Hörer gleich in zwei abenteuerliche Fantasy-Welten

„Alte Bücher, Spiele und Filme, vor allem Fantasy“, antwortet Hällas-Drummer Kasper Eriksson spontan, wenn er nach den Einflüssen des Quintetts gefragt wird. Sein persönlicher Lieblingsfilm aus besagtem Genre ist „Excalibur“ von 1981, der von der Artus-Sage handelt. Auf ihren bisherigen Alben haben sich die Schweden ganz der Fantasy verschrieben und ihr eigenes Paralleluniversum erschaffen, dessen Hauptfigur der namensgebende Ritter Hällas ist. 

Die norwegischen Hardrocker AUDREY HORNE melden sich nach vier Jahren mit dem Album „Devil’s Bell“ zurück

Wir erreichen Torkjell „Toschie“ Rød via Zoom am ersten Tag der russischen Invasion in der Ukraine. Dem in Bergen beheimateten Sänger von Audrey Horne ist die Sorge angesichts des Krieges anzumerken. Gleichzeitig ist seine Vorfreude darauf, mit dem neuen Album „Devil’s Bell“ demnächst auch live wieder voll durchzustarten, deutlich zu spüren.

THE ANCHORESS begeistert Indie-, Singer-Songwriter- und Prog-Fans gleichermaßen

„Anchoress“ nannte man im Mittelalter Frauen, die sich, oft ein Leben lang, zum Beten und Meditieren in eine Zelle einschließen ließen, im Deutschen hießen sie Anachoretinnen. „Im Grunde war es ein schlechter Witz“, erklärt die walisische Multiinstrumentalistin Catherine Anne Davies zur Entstehungsgeschichte ihres Künstlernamens, „ich schrieb damals meine Doktorarbeit in Literaturwissenschaft und schloss mich regelrecht von der Außenwelt ab. Gleichzeitig machte ich Musik, die wiederum von meinen Studien inspiriert war; also sah ich mich quasi als Erbin dieser Einsiedlerinnen aus dem Mittelalter.“ 

AXEL RUDI PELL bleibt auch ohne Samstagabend-TV-Show der Hardrocker der Herzen

„Woanders is auch scheiße!“, titelte der Bochumer Autor Frank Goosen. Nach diesem Motto lebt auch Axel Rudi Pell seit seiner Geburt vor 61 Jahren in der Ruhrgebietsmetropole. Und ähnlich hemdsärmelig geht er auf seinem neuen Album „Lost XXIII“ zu Werke. Allerdings wird auch das nicht dazu führen, dass er außerhalb seiner Fanbase eine feste Größe wird. Diese treue Klientel beschert ihm aber immerhin regelmäßig Top-10-Platzierungen, und die Fans füllen bei Tourneen mit  Besucherzahlen zwischen 700 und 2000 Leuten die Clubs und Hallen. 

Mit ihrem neuen Album starten die schwedischen Rocker HELLACOPTERS nochmals durch

Einige mögen sich noch daran erinnern: „Head Off“, der 2008 erschienene letzte Hellacopters-Studiostreich, bestand ausschließlich aus Coverversionen von Songs weniger bekannter Rockacts – was die Band damals aber nicht offiziell bekannt gab, wodurch sie den einen oder anderen Journalisten in die Bredouille brachte. Somit ergab sich die erste Frage an Sänger Nicke Andersson gewissermaßen von selbst: „Diesmal handelt es sich um Eigenkompositionen, oder?“

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