YES - Exklusiver Auszug aus Will Romanos neuem Buch über „Close To The Edge“

22. März 2017

Yes

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Im Frühjahr 1972 kehrten Yes nach Hause zurück, nachdem sie in Amerika eine Reihe von Konzerten gegeben hatten, um für das Album „Fragile“ die Werbetrommel zu rühren. Gleich im Anschluss arbeiteten Jon Anderson und Steve Howe das Material aus, das sie bei Soundchecks, in Hotelzimmern und backstage zusammengetragen hatten, als die Band im Nordosten und Mittleren Westen tourte. Dabei hatten sie eifrig Ideen ausgetauscht und ihre Schreibsessions aufgenommen. Der Gemeinschaftsgeist, der „Fragile“ geprägt hatte, erreichte auf „Close To The Edge“ seinen Höhepunkt. […]

Im Gegensatz zu den späteren Yes-Platten waren bei „Close To The Edge“ alle Bandmitglieder am Arrangier- und Schreibprozess beteiligt. Anderson war zwar der Dirigent beziehungsweise der kreative Impulsgeber, aber es gab unterschiedliche musikalische Konzepte, die miteinander verschmolzen wurden. Dabei wurde so lange an den besten Ideen aller Beteiligten herumgefeilt, bis das polierte Riff beziehungsweise die geglättete Passage der kritischen Überprüfung standhielt. Oft war es so, dass Howe zu einem bestehenden Riff noch etwas hinzufügte oder mehrere eigene Ideen parat hatte; Squire modellierte dagegen eine Basslinie, die zu Howes Idee passte; Bill Bruford wiederum veränderte das Stück, weil er eine ungerade Taktart einbringen wollte. Ein Großteil von „Close To The Edge“ entstand auf diese Weise.

„Ich wollte schon immer lange Stücke aufnehmen“

Paradoxerweise hatte Howe von vornherein ausgeschlossen, noch einmal ein Album wie „Fragile“ aufzunehmen: Die Songs sollten nämlich keine Solostücke werden, sondern straff konstruierte und in sich stimmige Kompositionen, die möglicherweise eine „religiöse Atmosphäre“ haben sollten. Anderson behauptete sogar, dass die neue Musik die „komplexeste und gleichzeitig klarste“ sei, die die Band je geschrieben habe. „Ich wollte schon immer lange Stücke aufnehmen“, erzählte er im Interview mit dem „New Musical Express“ und fügte hinzu, dass jedes Mitglied unterschiedliche Ideen einbringe, „die wir dann wie ein Puzzle zusammensetzen“.

Anderson bemerkte außerdem, dass die Band Musik schreibe, die die Zeit überdauern könnte, und dass die drei Stücke, die auf „Close To The Edge“ stehen sollten, miteinander zusammenhingen. „,Fragile‘ war ein Spiegel der damaligen Bandsituation. Nun aber stehen wir mit der Band am Rande des spirituellen Bewusstseins, wenn wir Musik machen. Das kann bedeuten, dass eventuell alles zu Staub zerfällt oder dass wir weitermachen und immer besser werden.“

Obwohl gemeinhin angenommen wird, dass ausschließlich Anderson für die hippieseligen Texte von „Close To The Edge“ verantwortlich ist, stammt der Ausdruck close to the edge in Wirklichkeit von Howe, und zwar aus einem nicht verwendeten Abschnitt eines Songs über den längsten Tag des Jahres.

2007 sprach ich mit Howe über die spirituellen Aspekte der Yes-Texte, und er sagte dazu Folgendes: „Jon schrieb nicht alle Texte. Einige stammten auch von mir, und einige meiner Ideen deuteten die Spiritualität an, die du angesprochen hast, bezogen sich aber eher auf alltägliche Themen. Wenn man diese Ideen aber zu Jons Texten in Bezug setzt, enthielten sie ebenfalls eine spirituelle Intention. Jon entwickelte zwar die Idee ‚close to the edge, down by the river‘, aber ich war derjenige, der in der Nähe der Themse wohnte – ich war quasi nahe am Rande des Flusses. Was mich angeht, war dieser Song sehr wörtlich zu verstehen. Es dauerte nicht lange, bis Jon [diese Idee] aufgriff und daraus etwas Abstrakteres formte. Das fand ich großartig, und ich hatte damit überhaupt kein Problem. Ich sage ja gern, dass Jon für meine Ideen genauso kritisiert wird wie ich für seine.“

Im Laufe der Jahre widersprach Anderson dieser Darstellung nicht direkt, sondern beanspruchte einen gewissen Anteil am Gesamtkonzept und am Ausdruck close to the edge. „Der Fluss führt dich zum Ozean, alle Pfade führen dich zum Göttlichen“, erzählte er im Gespräch mit Sid Smith, der den Begleittext zur 2013er-Neuauflage von „Close To The Edge“ verfasste. „Die Idee war, dass wir Menschen nahe am Rand leben – dem Rand der Erkenntnis, egal, was alle anderen darüber denken.“

DAS BUCH
WILL ROMANO "Close To The Edge – How Yes’s Masterpiece Defined Prog Rock"
Backbeat Books Englisch, 302 Seiten
ISBN-10: 1617136174
ISBN-13: 978-1617136177

Lest mehr im eclipsed Nr. 189 (04-2017).

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