THE DEAR HUNTER - Musikalische Selbstrettung

2. Juli 2026

The Dear Hunter

THE DEAR HUNTER - Musikalische Selbstrettung

Seit jeher zieht es Casey Crescenzo zu großen Geschichten. Mit The Dear Hunter, dem Sextett, das er 2005 als Nebenprojekt ins Leben rief, realisiert er vielschichtige, mehrere Alben umfassende Konzepte. Seit 2021 durchkreuzt die Formation aus Rhode Island musikalisch den Weltraum: Der Zyklus „The Indigo Child“ spielt in einem fremden Universum, in dem die Protagonisten nach dem titelgebenden Kind suchen – teils Messias-Odyssee, teils steampunkiger Spaß.

Im Zentrum von „Sunya“, dem aktuellsten Kapitel der Saga, steht ein Wissenschaftler, der sich auf eine spirituelle Reise begibt. Crescenzo spoilert: „Auf ihn wartet kein Messias. Die Idee ist also, dass wir versuchen sollten, uns selbst zu retten, denn sonst macht es keiner.“ Im Interview geben Crescenzo und Bassist Nick Sollecito ein paar Tipps, wie die musikalische Selbstrettung funktioniert.

eclipsed: Hallo Casey, hallo Nick. Wir leben momentan in politisch und gesellschaftlich unsicheren Zeiten. Wie erlebt ihr all das gerade?

Nick Sollecito: Das ist eine schwierige Frage, denn eigentlich hält man sich als Musiker an seinen künstlerischen Ausdruck und versucht, möglichst neutral zu bleiben, ohne sein Publikum vor den Kopf zu stoßen. Aber ich denke, spätestens mit „Antimai“, unserem Album von 2022, wurde deutlich, dass wir zunehmend mehr Ungerechtigkeit in der Welt erleben. Praktisch täglich werden wir mit offensichtlicher Korruption konfrontiert, gegen die unsere frei gewählte Regierung nichts unternimmt, obwohl sie uns eigentlich beschützen sollte. Oder noch schlimmer, manchmal ist sie sogar Teil dessen. Es betrübt mich, dass die Menschheit anscheinend nicht dazu in der Lage ist, aus der Vergangenheit zu lernen.

Casey Crescenzo: Als Allererstes denke ich an meine Kinder. Wahrscheinlich ist das ein familiärer Kreislauf, in dem Eltern die Welt irgendwann als verfallenden Ort begreifen. Sicher ging es meinen Eltern so, als ich jung war, und ihren ebenfalls. Davon abgesehen scheint die Welt aber auch generell auf einem absteigenden Ast zu sein. Ich hatte noch nie so wenig Vertrauen in die Menschheit als Spezies wie jetzt.

eclipsed: Ihr tourt viel durch eure Heimat, die USA. Ist das auch zu spüren, wenn ihr unterwegs seid?

Sollecito: Es ist sehr aufschlussreich, gerade durch die Staaten zu reisen. Ich bin seit fünfzehn Jahren auf Tour, und die Lage scheint so hoffnungslos wie nie zuvor. Die Obdachlosigkeit nimmt zu, immer mehr Menschen leiden an mentalen oder Drogenproblemen. Weil die Welt zunehmend teurer wird, bleiben manche von ihnen einfach auf der Strecke.

Crescenzo: Gleichzeitig wissen wir aber auch, wie privilegiert wir sind. Klar gibt es Momente, in denen wir in politische oder fanatische Auseinandersetzungen hineingeraten. Aber für gewöhnlich bleiben wir nie länger als einen Tag am selben Ort. Es fühlt sich selbstgefällig, vielleicht sogar dekadent an, im Angesicht all dieser Umstände Musik zu machen, aber hoffentlich sorgen wir bei unserem Publikum so für ein wenig Ablenkung von der düsteren Stimmung.

eclipsed: Auf eurem aktuellen Album „Sunya“ singt ihr von einem „Wasteland“, einem Ödland. Ein Wink in Richtung der zunehmend apokalyptischer werdenden echten Welt?

Crescenzo: „Sunya“ ist Teil eines größeren Projekts namens „The Indigo Child“, das mehrere Veröffentlichungen umfasst. Das ist auf jeden Fall inspiriert vom Zustand der Welt. Als ich am Vorgänger „Antimai“ arbeitete und die titelgebende Stadt erschuf, von der es handelte, wollte ich, dass sie sich wie eine Art Destillat der westlichen Zivilisation anfühlt. Das ist zwar alles fiktiv, aber die Orte und Leute in „The Indigo Child“ reflektieren das echte Leben eins zu eins.

Sollecito: Als wir mitten in der Pandemie an „Antimai“ arbeiteten, sagte ich zu Casey, dass seine Texte wie Protestsongs klängen. Jetzt kommen immer wieder Fans zu unseren Shows und halten Plakate hoch, die von den Songs inspiriert sind, wie bei einer Demo. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen den Songs und dem realen Leben.

The Dear Hunter - The Glass Desert I - Giants (Official Lyric Video)

Das komplette XXL-Interview ist Teil unseres Online-Abos, siehe https://www.eclipsed.de/de/abo

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