Ein wie gewohnt auskunftsfreudiger, spitzfindiger und sprachlich hochversierter Kunze begrüßt uns mit den schon gewohnten Worten „Kunze hier! Sie wollten mit mir sprechen?“ am Telefon und gibt Auskunft über sein neues Album, auf das er sichtlich stolz ist.
eclipsed: Das neue Album wird im Ankündigungstext sowie in ersten Rezensionen als „direkter“ angepriesen. Ich sehe es eigentlich eher als konsequente Fortführung deines Werks…
Heinz Rudolf Kunze: Kommt darauf an, was man unter direkte Ansprache versteht. Ein Lied wie „Was bin ich wert“ geht doch ziemlich an die Nieren, weil es eine Frage ist, die sich irgendwann viele Menschen stellen müssen: Was habe ich mit meinem Leben angefangen? Das empfinde ich als direkte Ansprache. Und das Lied packt auch musikalisch gut zu, was vor allem an meinem Mitkomponisten Udo Rinklin liegt, der mich seit einigen Jahren mit einer Zufuhr neuen Blutes versehen hat. Es gibt drei oder vier Lieder, die sich mit dem Älterwerden beschäftigen, mit der Frage, was bleibt von einem übrig. Und das würde ich unter ‚direkte Ansprache‘ verbuchen.
eclipsed: Musikalisch ist der Song in der Strophe eher getragen, der Refrain ist hingegen fast poppig, packt richtig zu…
Kunze: Bei diesem Song hat Udo den Ansatz geliefert. Dabei hat er an die späten Roxy Music gedacht, die „Flesh & Blood“ und „Avalon“-Zeit. Ich habe versucht dem Bryan-Ferry-mäßig so gut wie möglich nachzukommen. (lacht) Wir hatten Spaß daran, den Song in eine Richtung gehen zu lassen, die man nicht erwartet. Es gibt aber auch die klassischen Kunze-Balladen, die hätte ich so schon vor dreißig Jahren machen können, aber es macht mir manchmal Spaß, auf dieser Procol-Harum-Schiene zu fahren. Bei anderen Songs kann man hören, dass ich letztes Jahr bei Springsteen im Stadion war.
eclipsed: An die 80er erinnert auch der Anfang des Albums: „Besuch mich Marie“ eröffnet mit einem 80er Keyboard-Riff, das an den Kunze von „Wunderkinder“ erinnert. Ein bewusstes Zitat?
Kunze: Naja, Springsteen hat in den 80ern auch Alben aufgenommen. (lacht) Ich habe hauptsächlich an Bruce gedacht, mit dem ich mich in den letzten Jahren sehr intensiv beschäftigt und für den Band „Like A Killer In The Sun“ hundert seiner Texte ins Deutsche übertragen habe. Wenn man hundert Texte eines Kollegen übersetzt hat, steht er einem viel näher als vorher. Und natürlich habe ich gehofft, dass es dann auch eine Nummer ist, die wir in meiner späten Blüte auch in großen Stadien spielen dürfen. (lacht) eclipsed: Textlich geht es auch hier auf gewisse Weise ums Altern. Das ist schon der rote Faden, der sich durchs Album zieht, oder?