Die musikalische Vorreiterrolle, die Deutschland in Sachen elektronischer Musik einnahm, ist legendär. Avantgardistische Experimente aus dem Kölner Studio für elektronische Musik (Karlheinz Stockhausen), die Berliner Schule um Tangerine Dream, Klaus Schulze und Ash Ra Tempel, die in Düsseldorf rund um Kraftwerk und Neu! oder der Münchner Eberhard Schoener. Sie alle legten für die Zukunft der Popmusik und die Tanzclubs der Welt rund um DJ-, Sample- und Rave-Kulturen ein festes Fundament. Und auch wenn die Electro-Jünger längst dominieren, hat sich in Deutschland neben Tangerine Dream als Hauptader eine kleine, aber feine traditionelle EM-Szene mit anspruchsvoller meditativer Musik gehalten (u.a. Level Pi, Maxxess oder Martha Rabbit).
Repräsentativ befragten wir dazu Mario Schönwälder vom Berliner Manikin Label, Lambert Ringlage vom Essener Label Spheric Music sowie die umtriebigen Solo-Künstler Bernd-Michael Land und Michael Brückner. Das kleine SynGate-Label hat im März 2026 nach über 20 Jahren seine Produktion eingestellt. Manikin und Spheric Music tragen sich jedoch. Wie steht die traditionelle EM-Szene im Markt da? Eine feste Nische? Schönwälder sieht sie als „kleiner verschworener und unbeugsamer Haufen von auf der Welt verstreuten Enthusiasten“ – „…die die hypnotische Wirkung der Klangteppiche der Berliner Schule und deren Weiterentwicklungen faszinierend finden“. „Nischenmusik jenseits vom aalglatten Kommerz“, ergänzt Ringlage.
Land relativiert: „Schon, allerdings sterben die langjährigen Fans langsam weg, und es fehlt an Nachwuchs.“ Brückner setzt die „klassische ‚Schwingungen‘-Szene“ ins Verhältnis zu modernem Electro: „Global boomt EM wie nie – nur unter anderen Namen. Die alte Szene ist heute ein eigener, relativ isolierter Kosmos.“ Wie unterscheiden sich die Labels und Musiker voneinander? Schönwälder: „Spheric Music und Manikin Records sind sich vom Konzept her sehr ähnlich: Lambert und ich betreiben die Labels als Herzenssache. Stilistisch ist Manikin Records eng mit der Berliner Schule verbunden. Kein Wunder, meine Jugend verbrachte ich in Berlin in der Pfalzburger Straße, in der sich das berühmte Electronic Beat Studio befand (lacht).“