DAVID BOWIE - Bye-bye Spaceboy!

17. Februar 2016

David Bowie

Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel meinen Vater im Sommer 1983 geritten hatte. Vielleicht hatte er mitbekommen, wie sehr mir Bowies Hitalbum „Let’s Dance“ gefiel. Vielleicht hatte er auch seine „Scary Monsters“- und „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“-LPs vermisst, die zeitgleich in meine Plattensammlung übergingen und seitdem eine eigentümliche Faszination auf mich ausübten. Einerseits wegen der Intensität der Musik, die etwas Düsteres und Gefährliches hatte. Aber auch wegen Bowie selbst, der wie ein Wesen aus einer anderen Welt wirkte. Jedenfalls kaufte mir mein Vater ein Ticket für ein Konzert der „Serious Moonlight“-Tour im Juni ’83, zu dem er mich (als damals 13-Jährigen) auch begleitete.

Vom Auftritt im Bochumer Ruhrstadion ist bei mir zwar nicht viel hängengeblieben, trotzdem war es der Beginn einer Leidenschaft, die sich in der systematischen Erschließung von Bowies Backkatalog sowie ersten Büchern über seine Karriere äußerte. Internet gab es nicht, und Musik drückte sich ausschließlich in der Fachpresse aus. Man wurde noch nicht mit Informationen zugeschüttet, man musste sie sich suchen. Genau wie Singles, T-Shirts, Buttons, Bootlegs oder sonstige Raritäten und Fanartikel. Und zu Bowie, so wurde mir schnell klar, gab es zu viel, um wirklich alles zusammenzutragen. Schließlich hatte er zu diesem Zeitpunkt schon 13 Alben sowie zig Liveaufnahmen, Soundtracks und Compilations veröffentlicht; er hatte mit befreundeten Musikern wie Iggy Pop, Queen, Lou Reed oder Mott The Hoople gearbeitet, in einigen Filmen mitgewirkt und war in immer neue Charaktere geschlüpft: Ende der 60er war er der hippieske Folkmusiker, dann Major Tom, anschließend das Rockalien Ziggy, gefolgt vom androgynen Thin White Duke, dem schicken Dressman und schließlich dem Spaceboy im schweren Ledermantel. Rollen, die er – einmal abgelegt – nie wieder aufgegriffen hat.

Dabei hätte ihn das im Verlauf der 80er und 90er womöglich vor einigem Schaden bewahrt. Denn der Einzug in den Mainstream, für den „Let’s Dance“ stand, führte bei David Bowie zu Orientierungslosigkeit: Er wusste nicht, ob er weiter sein neues Pop-Publikum bedienen oder an die Experimentierfreudigkeit, der er noch auf „Scary Monsters“ gefrönt hatte, anknüpfen sollte. Er entschied sich für den kommerziellen Erfolg, erlitt mit „Tonight“ und „Never Let Me Down“ künstlerisch jedoch schweren Schiffbruch und demontierte sich mit der blutarmen „Glass Spider“-Tour von 1987 quasi selbst. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang sein Auftritt im Hamburger Stadtpark: ein desaströser Gig, bei dem Erasure und Wolfgang Niedecken das Vorprogramm bestritten – und mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht wurden.

Nach dem gescheiterten Versuch, mit Tin Machine eine Rockband zu lancieren, zog Bowie mit „Sound & Vision“ den Stecker: Die zunächst als Abschiedstour postulierte Konzertreihe sollte einen versöhnlichen Schlussstrich unter seine bisherige Karriere ziehen. In Zukunft wollte er neue, frische, andere Musik machen.

Lesen Sie mehr im eclipsed Nr. 178 (März 2016).