PERE UBU - Am Ende eines Wegs

18. November 2019

Pere Ubu

PERE UBU - Am Ende eines Wegs

Der König ist tot, es lebe der König. Die aus Cleveland in Ohio stammende Band Pere Ubu war immer ihrer Zeit voraus und steckte zugleich mit beiden Beinen in der Geschichte. Sie entlehnte ihren Namen dem grotesken Theaterstück „König Ubu“ des französischen Schriftstellers Alfred Jarry und erfand den Post-Punk bereits vor der großen Explosion des Punk. Mit ihrem neuen Album „The Long Goodbye“ nimmt sie Abschied. Oder doch nicht?

“The Long Goodbye“ ist bereits das 18. Studioalbum der 1975 gegründeten Avantgarde-Band Pere Ubu. Im Laufe der Zeit hat sich ihr Stil sehr stark von ungestümen Eskapaden hin zu nachdenklichen Geschichtenliedern gewandelt. Einzige Konstante über all die Jahre ist Sänger und Songschreiber David Thomas. Sein neues Werk ist keine Sammlung von Songs, sondern ein Spoken-Word-Essay mit Hintergrundklängen. Im Gespräch mit eclipsed berichtet er über seine gesundheitlichen Probleme und erklärt, was es mit dem Titel auf sich hat.

eclipsed: Ist „The Long Goodbye“ eure letzte Platte?

David Thomas: Ich habe nie gesagt, es sei die letzte Platte, sondern das Ende einer Straße. Es ist das Ende einer bestimmten Art, Dinge zu tun. Pere Ubu ist zwei- oder dreimal durch solche Phasen gegangen. Alles muss eingerissen und neu aufgebaut werden. Allerdings stimmt es, dass ich in den letzten anderthalb Jahren zweimal knapp dem Tode entronnen bin. Um meine Gesundheit ist es nicht zum Besten bestellt. Als ich das Album geschrieben habe, dachte ich nicht, dass mir noch viel Zeit bleiben würde. Meine Managerin wollte mich im Krankenhaus besuchen, und als ihr Flugzeug gelandet war, erhielt sie die Nachricht, sie würde mich vielleicht nicht mehr lebend antreffen. Ich habe die Songs nicht als die letzte Platte geschrieben, aber mit dem Bewusstsein, es könnte die letzte sein. Wenn du ein Testament schreibst, brauchst du es nicht, und wenn du ein Testament brauchst, ist es zu spät, es zu schreiben. Insofern ist alles gut, wir haben unsere Abschiedsplatte bereits im Kasten. In ein paar Jahren kann ich also beruhigt loslassen.

eclipsed: „The Long Goodbye“ klingt fast wie ein Hörspiel. Du bist der Erzähler, und die Sounds des Albums bilden die Untermalung.

Thomas: Pere Ubu hatten immer ein theatralisches Element. Schon die letzten Alben hatten eher eine solche Anordnung. „Carnival Of Souls“ (2014) und „Lady From Shanghai“ (2013) gingen genau in diese Richtung. Die neue Platte geht natürlich noch einen großen Schritt weiter. Es gab zwei Gründe dafür, dass ich große Teile des Albums selbst geschrieben und aufgenommen habe, bevor irgendjemand anders involviert wurde. Zum einen dachte ich, mir bliebe nicht genug Zeit, zum anderen hatte ich eine sehr klare Vorstellung von dem, was dabei entstehen sollte. In einer Band musst du Kompromisse eingehen. Du musst die Meinungen deiner Kollegen einbeziehen. Durch diesen Prozess wollte ich nicht gehen. So konnte sich die ganze Theatralik frei entfalten.

eclipsed: Die Platte ist auch sehr introspektiv, mit der Anmutung eines Film noir. Wie eine Reise in dein Inneres.

Thomas: In Anbetracht der Umstände, unter denen es entstand, ist das Album natürlich persönlicher und verhaltener als seine Vorgänger. Seit „The Tenement Year“ (1988) ging es uns immer um die Reise um den Kontinent, die aber stets eine Metapher für die Reise durchs Leben war. Dieser Gedanke stand im Hintergrund jeder einzelnen Platte. Auf dem neuen Album sehe ich dem Ende der Reise entgegen. Aber was passiert am Ende? Alte Männer wie ich staunen über jede Ausfahrt auf der Autobahn, an der sie vorüberfahren. Wäre es nicht besser abzufahren und irgendwo einen Ort zum Leben zu finden? Es gibt eine sehr enge Beziehung zu dem Raymond-Chandler-Roman mit demselben Titel. In der Story geht es um Verrat. Dieses Thema zieht sich auch durch die Platte: Verrat der Sinne, Verrat durch Politik und Religion, Verrat des Existenzialismus, kultureller Verrat und hundert andere Dinge.

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