Bislang ließ die Musik der englischen Rockband ARCHIVE nicht unbedingt an jene klassischer Komponisten wie Edward Elgar, Sergei Rachmaninow oder Steve Reich denken. Auf ihrem neuen Album „Glass Minds“ ist das anders.
Darius Keeler sieht zufrieden aus, und dazu hat er allen Grund: „Ich glaube, wir haben das beste Album unserer ganzen Laufbahn gemacht“, fällt der Keyboarder und Bandmitgründer im Interview mit der Tür ins Haus. In der Tat ist Archive mit „Glass Minds“ nicht weniger als ein Wunder gelungen. Nach ihrem monumentalen Werk „Call To Arms & Angels“ von 2022 (drei LPs bzw. zwei CDs) scheint das Londoner Kollektiv hier nun bei einer neuen Form von Klassik angekommen zu sein: Die knapp 78 Minuten umfassende Musik wirkt derart wie aus einem Guss, dass sie eher wie eine Sinfonie als wie eine Ansammlung von Songs anmutet. „Ich habe tatsächlich Elgars ‚Nimrod‘ gehört, als ich mit dem Schreiben begann“, erzählt Keeler.
„Was für ein großartiges Werk! Es ist auch in dem Film ‚Dunkirk‘ zu hören. Das inspirierte mich zu unseren Arrangements. Als wir die Demos eingespielt haben, hatte ich diese Bläserklänge im Ohr und versuchte, ihnen auf meinem Keyboard nachzuspüren. Bei den abschließenden Aufnahmen in London hatten wir dann eine zwölfköpfige Bläsersektion dabei. Das veränderte wirklich alles, es war wundervoll. Die Bläser steuern eine gewisse Melancholie bei, die man auf andere Weise gar nicht erzielen könnte. Sie haben einen so emotionalen Sound.“ Von jeher verstanden sich Archive in herausragender Weise auf konzeptuelle Alben, aber selten hatten diese eine derartige Dichte: Ein Track führt zum nächsten, alle zwölf wirken überhaupt nicht wie einzelne Songs, sondern wie ein einziges Stück. Damit knüpfen Keeler und Co. an die großen klassischen Epen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts an.
„Wir haben uns als Band noch nie so komplett gefühlt“, erklärt Keeler. „Jeder ist absolut ans Limit gegangen. Die Gesangsperformances erreichen eine Tiefe, die mich einfach erschauern lässt. Schon vor der Veröffentlichung des Albums sind die Singles daraus die erfolgreichsten, die wir je hatten. Die Reaktion unserer Hörer scheint unser eigenes Gefühl zu bestätigen. Das fühlt sich wirklich gut an.“ Doch die Bedeutung von „Glass Minds“ geht weit über die Qualität des Albums hinaus: Archive erinnern uns damit daran, dass Kunst einen Platz in unserer Gesellschaft und der Wert eines Werks nichts mit merkantilem Kalkül zu tun hat. In einer Zeit, in der uns die Musikindustrie glauben machen will, es ginge hier nur um Konsumprodukte, kann der Stellenwert eines Klangkunstwerks wie „Glass Minds“ gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.