Eigentlich wartet die Rockwelt sehnsüchtig auf ein neues Greta Van Fleet - Album – den Nachfolger zu „Starcatcher“ vom Juli 2023. Der sei, so Gitarrist Jake Kiszka, auch in Arbeit. Doch zuvor schiebt er noch ein kleines, aber feines Nebenprojekt ein: Mirador, an der Seite von IdaMae-Mastermind Chris Turpin. Eines der spannendsten Rockalben 2025 – vom Newcomer-Act der Stunde.
Es ist der 27. Dezember 2018: Greta Van Fleet treten drei Abende hintereinander im ausverkauften Fox Theatre in Detroit auf – 93 Meilen südlich ihrer damaligen Heimatstadt Frankenmuth. Der vorläufige Höhepunkt ihrer ersten Headliner-Tour zur Veröffentlichung ihres Major-Debüts „Anthem Of The Peaceful Army“. Im Vorprogramm: Ida Mae aus England. Ein Duo, bestehend aus dem Ehepaar Stephanie Jean Ward und Chris Turpin, das einen ähnlichen Sound aufweist wie die Greta-Brüder – nur etwas folkiger.
„Ich hatte keine Ahnung, wer die Jungs sind und was sie machen“, gesteht Chris. „Wir hatten eine Anfrage von ihrem Management bekommen und sofort zugesagt. Aber als ich sie auf der Bühne erlebte, wurde mir klar: Wir sind Brüder im Geiste – wir lieben exakt dieselbe Musik: Rock’n’ Roll.“ Der Beginn einer Freundschaft, die immer intensiver wurde – gerade mit Greta-Gitarrist Jake Kiszka. Er spielte auf Ida-Mae-Alben, lud sie regelmäßig ins Vorprogramm ein und unterbreitete Chris 2023 das Angebot, gemeinsame Songs zu schreiben. „Ich hatte nicht viel erwartet“, lacht Jake. „Doch schon am ersten Abend hatten wir drei Stücke, am nächsten Tag zwei weitere. Wir saßen mit Akustikgitarren und Rotwein bei mir zu Hause und hatten einen Wahnsinnsspaß. Dann entschieden wir uns, eine Platte zu machen.“
Widerstand von den jeweiligen Partnern gab es nicht. „Stephanie meinte nur: ‚Viel Glück damit‘“, kichert Chris. Während Jake brüderlichen Zuspruch erfuhr: „Sie meinten: ‚Cool, dann hast du endlich ein Hobby.‘ Was sie mir damit sagen wollten, war wahrscheinlich, dass ich meine großen Riffs von nun an woanders unterbringen könne.“ Schließlich haben sich Greta zuletzt immer weiter vom Led-Zep-Einfluss ihrer ersten beiden Alben entfernt. Zum Frust des 29-Jährigen: „Es ist wirklich so, dass sie viele meiner Ideen abgelehnt haben – und das seit Jahren. Also habe ich etliche davon für Mirador verwendet. Dort passen sie prima.“
Vorbildliche Mission
In der Tat: Mirador – spanisch für „Aussichtsturm“ oder „Aussichtspunkt“ – machen genau das, was Greta nicht mehr wollen: 70s-Rock auf einem Fundament aus akustischem Folk und Blues, verfeinert durch mächtige Gitarren-Salven, einer treibenden Rhythmussektion (beigesteuert von den Londoner Session-Cracks Nicki Pini und Mikey Sorbello) sowie einem ekstatischen Rockröhren-Gesang, der wahlweise von Chris oder Jake stammt. „Ich habe nichts dagegen, mit Robert Plant verglichen zu werden. Im Gegenteil: Das ist das beste Kompliment, das ich mir vorstellen könnte“, lacht Chris. Und Jake fügt hinzu: „Jetzt auch mal in die Rolle des Sängers zu schlüpfen, ist eine Offenbarung. Bei Greta geht das nicht – da ist so ein Typ, der das für sich allein beansprucht.“ Es folgt ein glucksendes Lachen …