DIE REVOLUTION DER ELEKTRONIKER

DIE REVOLUTION DER ELEKTRONIKER

1976 war für die damals neuartige Synthesizer-Musik ein wichtiges Jahr. Die Berliner Schule um Tangerine Dream und Klaus Schulze hatte ihren Sound mit „Stratosfear“ und „Moondawn“ bereits voll ausformuliert und Kraftwerk sich vom Krautrock früherer Tage zu zukunftweisendem Elektro-Pop entwickelt. Space-Musik fand in „Albedo 0.39“ von Vangelis einen Dreh- und Angelpunkt, und mit „Oxygène“ vom französischen Jungstar Jean-Michel Jarre wurde elektronische Musik (kurz: EM) erstmals vom Nischenprodukt zum Pop-Massenphänomen. Wir werfen einen Blick darauf, wie sich die EM der fließenden Synthesizer-Teppiche zur Musik der Zukunft für Elektro-Stile sowie kommende Generationen von DJs und Ravern entfalten konnte, haben exklusiv mit Ex-Tangerine-Dream-Mitglied Peter Baumann gesprochen und würdigen Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter zum 80. Geburtstag wie auch die frühe Pionierin Wendy Carlos.

Sage und schreibe 1,5 Millionen Besucher lockte der junge Jean-Michel Jarre am Nationalfeiertag des Sturms auf die Bastille, dem 14. Juli 1979, zur Place de la Concorde. So etwas hatten bis dahin selbst große Rockstars nicht geschafft. Jarre sollte noch mehrere Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde folgen lassen. Die gleiche Besucherzahl in Houston 1986, in Paris 1990 2,5 und in Moskau 1997 3,5 Millionen Fans. Wie hat rein instrumentale Musik, nur auf Synthesizern gespielt, bereits Ende der Siebziger eine derartige Anziehungskraft entwickeln können? Jarre selbst sagt dazu: „Ich erkannte ziemlich früh, dass elektronische Musik eine andere Art Bühnenkonzept benötigte. Zu dieser Zeit hatte man nicht wirklich Hallen oder Veranstaltungsorte für elektronische Musik. (…) Ich sagte also, im Freien wäre das viel besser. Ich war auch immer an Architektur interessiert. Und indem man die Architektur mit einbezog und das einführte, was später als ‚Mapping‘ bekannt wurde – also das Projizieren von Licht und Grafiken auf Gebäude –, und in gewisser Weise eine Stadt für eine Nacht ‚kapern‘ konnte, war es ziemlich aufregend und interessant, mit dieser Art von Underground-Bewegung zusammenzuarbeiten, die die elektronische Musik damals darstellte.“ Jarre machte buchstäblich die Welt zu seiner Bühne und nahm mit dieser Präsentation seiner elektronischen Rhythmen die großen Techno- und Rave-Events à la Love Parade voraus.

Entwicklung elektronischer Musik und erste Moog-Alben

Die Geschichte der elektronischen Musik reicht weit zurück. Theremin (1920), Les Ondes Martenot (1928), Trautonium (1930) und Chamberlin (1956) gelten vor dem Synthesizer als einige der ersten elektronischen Instrumente. Edgar Varèse (1883–1965) wird aufgrund seiner Technik-Offenheit oft als „Vater der elektronischen Musik“ zitiert. In den Fünfzigerjahren wurde parallel in Köln, Paris und New York aus Ansätzen der klassischen Avantgarde erste richtige elektronische Musik erschaffen. Karlheinz Stockhausen entwickelte im Studio für Elektronische Musik des WDR mit „Studie I“ seine serielle Musik zu einer elektronischen Komposition weiter. Unter Führung von Pierre Schaeffer werkelten ab 1949 unter der Bezeichnung Musique concrète Musiker wie Pierre Henry an der Verwandlung von Alltags- und Raumgeräuschen in Musik. Und auch am Columbia-Princeton Electronic Music Center in New York tüftelte man an der Musik der Zukunft mit berühmten Gästen und Studenten wie Varèse oder Wendy Carlos. Doch war dies alles nur nachvollziehbar für jemanden, der Musik studiert hatte, und Intellektuelle. Gemeinhin galt Elektronik noch nicht als Musik. Auch innovativer Einsatz von Filmmusik spielte für die spätere Eroberung des Pop-Kosmos durch Elektronik eine wichtige Rolle, etwa der erste vollelektronische Soundtrack zu „Alarm im Weltall“ (1956) oder die künstlich erzeugten Vogelstimmen in Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963), für die der deutsche Oskar Sala mit seinem Trautonium zuständig war ... 

Tangerine Dream Ricochet (Part One) Live at Conventry Cathedral 1975

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