Dass sich Steve Hackett und Steve Rothery für ein gemeinsames Projekt zusammentaten, überrascht kaum. Spannend ist, was die beiden legendären Gitarristen daraus gemacht haben. Aus ihrer Kooperation entstand keine neue Supergroup. Ihr Album „The Roaring Waves“ vereint das Beste aus beiden Welten – ohne Ego-Trips und ohne Wettkampfdenken. Im Gespräch mit eclipsed erklären sie, dass sie eine gemeinsame Vision verfolgen: Sie wollen Musik schreiben, die wie ein Soundtrack wirkt.
Steve Rothery wirkt müde, als wir ihn in seinem Homestudio erreichen. Klar, nach einem für ihn jetzt schon extrem ereignisreichen Jahr mit der Bioscope-Veröffentlichung, den Aufnahmen für das neue Marillion-Studioalbum, das im Frühjahr 2027 erscheinen soll, und der laufenden Tour mit seiner Stammband. Kurz bevor er zu zwei Shows nach Pompeji aufbricht, nimmt er sich die Zeit, um über „The Roaring Waves“ und seine Arbeit mit Steve Hackett zu sprechen: „Steve war neben David Gilmour und Andy Latimer einer meiner größten Einflüsse“, so Rothery. „Bei Genesis hat er immer Wert auf Melodien und Emotion gelegt.“ Genau das sei auch immer sein Ansinnen gewesen. Und fast schon schwärmerisch schickt er hinterher: „Es zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich überlege: Als 15-jähriger Fan hätte ich niemals gedacht, dass ich eines Tages mit so einer Legende auf der Bühne stehen und irgendwann sogar ein Album aufnehmen werde.“
Wertschätzung statt Konkurrenz
Nun war es so weit. Nach rund siebenjähriger Anlaufzeit haben die beiden Steves ihr erstes gemeinsames Album am Start, das von großer gegenseitiger Wertschätzung der Musiker getragen wird. Steve Hackett sagt dazu: „Wir haben nicht gemacht, was die meisten Gitarristen tun. Es ging nie darum, den anderen zu übertreffen. Kein Wettbewerb, kein Rennen. Uns ging es um einen rein musikalischen Ansatz. Es ist sicherlich keine Fortsetzung dessen, was ich z.B. mit Steve Howe bei GTR gemacht habe [s. Kasten].“ Kommerziell zwar erfolgreich, fiel es bei der Kritik durch, die es u.a. als „überproduziertes, egozentrisches Gitarren-Geklimper“ bezeichnete. Die Zusammenarbeit mit Rothery ist, wenn man dem 76-Jährigen glauben mag, nun das genaue Gegenteil und eben „nicht egozentrisch oder konkurrenzbetont. Was Rothery bestätigt: „Wir haben die Zeit miteinander genossen, was wirklich selten ist, wenn man ein Album aufnimmt.“ Gemeinsame Sache haben Hackett und Rothery immer wieder mal gemacht. Aber für ein eigenes Album war irgendwie nie Zeit. Auf Hacketts „Genesis Revisited II“ und beim 2013er-Tour-Stopp in der Royal Albert Hall, von dem es einen Livemitschnitt gibt, war Rothery als Gastmusiker dabei. Umgekehrt spielte Hackett auf Rotherys „The Ghosts Of Pripyat“ bei zwei Songs mit.