Szenereport: ROCK UND PSYCHEDELIC AUS DER TÜRKEI

Die Rockszene in der Türkei ist im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt. Dabei hat sich dort seit den späten Sechzigerjahren eine eigenständige Spielart zeitgenössischer Musik entwickelt, deren exotischer, ja, psychedelischer Charme gerade in dem Mix aus Traditionen und Moderne begründet liegt. Bir sevgili uğruna, Sen de benim gibi yanma arkadaş“, und später im Refrain: „O yaşlı gözlerine, o yalan sözlerine, Kanma arkadaş“ – diese Textzeilen haben viele gesungen. Der Hardrocker Ogün Sanlısoy etwa – sein Video wurde dafür bislang 1,5 Millionen Mal auf YouTube angeklickt. Ebenso Yıldız Tilbe, Türkin kurdischer Abstammung, die seit den 90ern 15 Alben veröffentlicht hat und auch mit drastischen antisemitischen Äußerungen aufgefallen ist (3,7 Mio. Klicks). Genauso Umut Kaya (2,2 Mio. Klicks) – sie alle coverten den Song „Anma Arkadaş“ von Erkin Koray.

GONG - Ewige Wiederkunft

Mit ihrem zweiten Werk nach dem Tod von Bandgründer Daevid Allen müssen die neuen Gong Farbe bekennen. Schaffen es die Erben, das 1967 erschaffene Space-Kontinuum am Leben zu erhalten? Gemeinsam mit deren Frontmann und Gitarrist Kavus Torabi gehen wir auf eine kleine philosophische Reise rund um das neue trippige Album „The Universe Also Collapses“. Um es mit Timothy Leary zu sagen: Turn On! Tune In! Drop Out!

Gong sind Kult. Bereits seit 1967 aktiv ging ihre Reise von Caterbury-Prog über Fusion bis zu Space- und Jazzrock. Und die Familie Gong ist groß. Zig Formationen durchliefen den musikalischen Äther. Auch nach dem Tod von Daevid Allen 2015 schwebt eine junge Inkarnation durch den Raum, denn die Seele der Band ermächtigte in einer letzten E-Mail Kavus Torabi, seiner Vision von Gong weiter zu folgen.

eclipsed: Was hat es mit dem Albumtitel „The Universe Also Collapses“ auf sich?

GROBSCHNITT - „Acoustic Party“ - Comeback auf drei Gitarren

Für Grobschnitt-Fans ein Knaller: Originalgitarrist Lupo kehrt gemeinsam mit Sänger Willi Wildschwein und dessen Sohn Nuki auf deutsche Bühnen zurück! Erstmalig werden Grobschnitt-Klassiker in rein akustischer Version zu hören sein. Nach der „Last Party“-Tour 1989 hatte Lupo das Ende von Grobschnitt verkündet: „Wir verschwinden ins Universum, aber manchmal gibt das Universum auch wieder etwas frei.“ Nun also Grobschnitt-Partikel in unelektrifizierter Form.

JORDAN RUDESS - Wahnsinnig aktiv

Jordan Rudess führt bekanntlich auch ein Leben abseits von Dream Theater. Der Keyboarder ist ein wahres Arbeitstier. Wenn er gerade nicht bei den Progmetalpionieren eingespannt ist, tüftelt er an eigenem Material und nimmt dieses auf. Zur Not auch parallel zu seinen Verpflichtungen mit der Band. Jetzt hat Rudess sein 14. Studioalbum „Wired For Madness“ veröffentlicht, mit dem er sich erneut auf unbekanntes Terrain begibt.

WHITESNAKE - Aus Fleisch und Blut

Whitesnakes Studioalbum Nummer 13 erscheint am 10. Mai. Ursprünglich angekündigt war es für 2017/18. Probleme mit dem Studio sowie Erkrankungen und OPs von David Coverdale führten zu der Verspätung. Aber das Warten hat sich gelohnt: „Flesh & Blood“ dürfte für eingeschworene Fans der Band ein absolutes Hörvergnügen sein.

PRISTINE - Raus aus dem Kühlhaus

Mit dem neuen Album „Road Back To Ruin“ ist bei Pristine die musikalische Vielfalt zurückgekehrt. Nach dem etwas zu kühl geratenen, an nur einem Tag aufgenommenen Album „Ninja“ (2017) machen die Retrorocker aus Norwegen hier vorwiegend so weiter, wie wir sie auf „Reboot“ (2016) zu schätzen gelernt hatten: mit jenem warmherzigen, schwitzigen bluesgetränkten Hardrock, der Heidi Solheim und ihre Jungs zu einer der Vorzeigebands des Genres macht.

Es hat schon etwas Absurdes an sich, als ich mich mit Heidi Solheim für ein „ernstes“ Interview für 30 Minuten in den Businessraum eines Hotels in Tromsø, Pristines Heimatstadt im hohen Norden Norwegens, verabrede. Was stellt man jemandem, mit dem man zwei Tage bis in die späte Nacht hinein verbracht hat, bloß für Fragen, die nicht schon am Tresen oder Esstisch beantwortet wurden? Überdies ist der Raum auch noch überdimensioniert: Für uns beide stehen dort fast 30 Stühle an einem extralangen Tisch.

RHYS MARSH - Kreative Presswehen

Die Geburt seines ersten Kindes war für den Crossover-Progmusiker Rhys Marsh in verschiedener Hinsicht ein einschneidendes Erlebnis. Auf „October After All“, dem neuen Album des in Norwegen lebenden Engländers, sind neben prominenten musikalischen Gästen auch ungewohnt optimistische Töne zu hören.

Irgendwann stößt auch der größte Workaholic an seine Grenzen. Dabei würde Multitalent Rhys Marsh diese Bezeichnung wahrscheinlich sogar ablehnen. Er macht einfach alles, was mit Musik zu tun hat, leidenschaftlich gerne, mit 100-prozentigem Einsatz. „Auf meinen anderen beiden Soloalben habe ich buchstäblich alles selbst gespielt. Diesmal wollte ich andere Musiker dabeihaben“, erzählt er über den Entstehensprozess von „October After All“.

Mit Talk Talks MARK HOLLIS starb jemand, der sich nicht verbiegen ließ

Anfang der 1980er gibt es etliche Bands, die binnen kürzester Zeit eine rasante Entwicklung durchlaufen. Beispiele dafür sind XTC, Prefab Sprout, The The oder Julian Cope: Künstler, die nicht einfach nettes Chartfutter liefern, die neueste Mode spazieren tragen und leicht zu vermarkten sind, sondern eigene Ideen entwickeln und auf kreative Weise rebellieren. Wenn sie nicht so viel Geld einspielen, wie es ihre Plattenfirmen von ihnen erwarten, reagieren diese allerdings nicht selten mit Daumenschrauben und Anwaltsschreiben – eine Erfahrung, die irgendwann auch Mark Hollis, Lee Harris, Paul Webb und ihr Produzent und inoffizielles viertes Bandmitglied Tim Friese-Greene machen müssen.